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Tuberkulose wieder auf dem Vormarsch: So schützen Sie sich auf Reisen

Weltweit erkranken jährlich fast 11 Millionen Menschen an einer Tuberkulose. Nahezu 1,3 Millionen sterben daran. Damit gilt die Tuberkulose wieder als die tödlichste Infektionskrankheit der Welt. Auch in Deutschland ist Tuberkulose nicht ausgerottet, besonders verbreitet jedoch ist sie in Südostasien und Afrika. Vor allem Individual- und Rucksackreisende sollten sich in diesen Regionen vor den Erregern schützen.

Husten, Mattigkeit und Nachtschweiß sind mögliche Symptome

Jeder vierte Mensch weltweit ist mit Tuberkulosebakterien infiziert. Bei den meisten ist das Immunsystem allerdings stark genug, um die Erreger in Schach zu halten. Sie erkranken erst dann, wenn ihre Körperabwehr aus irgendeinem Grund geschwächt ist. Husten, Mattigkeit, Nachtschweiß, Fieber und ein ungewollter Gewichtsverlust können Zeichen dafür sein, dass sich die Keime im Körper, meist in der Lunge, ausgebreitet haben.

Aktuelle Zahlen der Weltgesundheitsorganisation zeigen, dass die Tuberkulose (kurz TB oder Tbc) und ihre Erreger, sogenannte Mykobakterien, wieder auf dem Vormarsch sind. Laut dem jüngsten WHO-Bericht gab es 2023 rund 8,2 Millionen registrierte Neuerkrankungen, etwa 700.000 mehr als im Vorjahr.

„2023 gab es 700.000 registrierte Neuerkrankungen mehr als im Vorjahr.”

Die WHO geht allerdings davon aus, dass zirka 2,6 Millionen Erkrankungen gar nicht erfasst wurden, weshalb sie insgesamt von 10,8 Millionen Fällen spricht. Dies ist die höchste Zahl geschätzter Neuerkrankungen seit Beginn der globalen Aufzeichnungen im Jahr 1995.

Ausgerottet ist die Tuberkulose auch in Deutschland noch nicht

Rund 1,25 Millionen Menschen sind der WHO zufolge 2023 an einer Tuberkulose verstorben. Damit ist diese inzwischen wieder die Infektionskrankheit mit den meisten Todesopfern weltweit – und hat Corona von seinem zwischenzeitlichen Spitzenplatz verdrängt.

Zwar sind die Zahlen hierzulande nach wie vor niedrig. Im Jahr 2024 verzeichnete das Robert Koch-Institut (RKI) in Deutschland nur etwa 4.500 Fälle der meldepflichtigen Erkrankung. Vor allem in Teilen Südostasiens und Afrikas ist die Situation aber deutlich dramatischer.

Die meisten Erkrankten leben in Indien und Indonesien

Die fünf Länder, in denen die Tuberkulose am häufigsten zu finden ist, sind Indien, Indonesien, China, die Philippinen und Pakistan. In ihnen leben laut WHO weit mehr als die Hälfte (56 Prozent) aller Menschen, die an Tuberkulose erkrankt und somit für andere ansteckend sind. In Afrika sind die Erreger vor allem in Nigeria und Südafrika verbreitet. Aber auch in beliebten Reiseländern wie Namibia, Kenia oder Tansania kommen sie deutlich häufiger vor als hierzulande.

„Das Risiko für Reisende, sich unterwegs anzustecken, ist relativ gering.”
Prof. Christoph Lange

„Das Risiko für Reisende, sich unterwegs anzustecken, ist zum Glück dennoch relativ gering“, sagt der Tuberkulose-Experte Prof. Dr. Dr. Christoph Lange. Er ist Medizinischer Direktor des Forschungszentrums Borstel, Leibniz Lungenzentrum, Leiter der klinischen Tuberkulose-Einheit im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) und Professor für Respiratorische Medizin & Internationale Gesundheit an der Universität Lübeck. 

Rucksacktouristen haben das größte Ansteckungsrisiko

Um sich mit Erregern der Art Mycobacterium tuberculosis zu infizieren, müsse die Atemluft mit einer Person geteilt werden, die an Lungentuberkulose erkrankt ist, sagt Lange. Meist erfolge eine Ansteckung erst dann, wenn man sich mit diesem Menschen gemeinsam über einen längeren Zeitraum hinweg in einem geschlossenen Raum aufhalte.

Die Übertragung der Keime erfolgt fast ausschließlich per Tröpfcheninfektion, wenn erkrankte Menschen die Bakterien beim Husten, Lachen, Singen oder Sprechen an die Umgebungsluft abgeben und andere Menschen sie dann einatmen. Selbst in Hochrisikoländern wie Indien ist allerdings höchstens eine von 500 Personen an Tuberkulose erkrankt. „Darüber hinaus gehören die allermeisten Erkrankten zur ärmeren Bevölkerung, mit der man als Reisender aus Europa oft gar nicht in Kontakt kommt“, sagt Lange.

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Am meisten gefährdet seien Rucksacktouristen. „Wer zum Beispiel öffentliche Verkehrsmittel benutzt, in denen die Fenster geschlossen bleiben, oder zu Besuch bei Einheimischen ist, die auf engem Raum miteinander leben, kann mit den Erregern durchaus in Kontakt kommen“, sagt Lange. Auch Medizinstudierende oder andere Personen, die sich in den lokalen Krankenhäusern aufhalten, hätten natürlich ein höheres Risiko, sich mit Tuberkulose anzustecken. „An der frischen Luft hingegen verteilen sich die Bakterien so rasch, dass dort kaum eine Gefahr besteht“, erklärt Lange.

Das Tragen einer FFP2-Maske bietet den besten Schutz

Der beste Schutz vor einer Infektion besteht dem Mediziner zufolge darin, in den beschriebenen Situationen eine Atemschutzmaske zu tragen, vorzugsweise eine FFP2-Maske, wie man sie noch aus der Corona-Pandemie kennt. Es gibt zwar eine Impfung gegen die Tuberkulose, die in manchen Ländern bei einem geplanten längeren Aufenthalt sogar vorgeschrieben ist. Allerdings schützt sie hauptsächlich Kinder vor der Erkrankung. „Für Erwachsene hingegen liegen keine gesicherten Belege vor, dass sie durch die Impfung vor einer Tuberkulose geschützt sind“, sagt Lange. Die Ständige Impfkommission (STIKO) am RKI empfiehlt sie für Deutschland daher schon seit 1998 nicht mehr.

„Im menschlichen Körper können die Bakterien eine Art Winterschlaf halten, aus dem sie Jahre später erwachen können.”

„Bei den meisten Kontakten von Mykobakterien mit den Zellen der menschlichen Atemwege kommt es wahrscheinlich nicht zu einer Ansteckung“, sagt Lange. In diesen Fällen tötet das Immunsystem die Keime bereits in den Atemwegen ab. Gelingt es den Bakterien, in die Zellen einzudringen, werden auch diese meist von der Körperabwehr in Schach gehalten oder eliminiert. Manchmal jedoch überleben einzelne Erreger. „Um sie herum baut das Immunsystem dann einen Schutzwall aus Zellen“, erläutert Lange.

In diesen kugelförmigen Kapseln, den Granulomen, halten die Bakterien eine Art Winterschlaf, aus dem sie auch viele Jahre später noch wieder erwachen können – und dann die Tuberkulose offen ausbrechen lassen. „Mit den derzeit vorhandenen Tests lässt sich leider nicht unterscheiden, ob ein Mensch, der sich irgendwann einmal infiziert hat, solche schlafenden Erreger noch in sich trägt oder nicht“, sagt Lange.

Erwachsene sind fast immer ansteckender als Kinder

Ob man sich bei einem Kontakt mit einem erkrankten Menschen ansteckt oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab. Die drei wichtigsten sind:

  • die Menge und die Aggressivität (Virulenz) der Erreger,
  • die eigene, auch genetisch bedingte Abwehrkraft sowie
  • die Dauer und die Häufigkeit des Kontakts zu der erkrankten Person.

Da Kinder meist weniger Erreger als Erwachsene an die Umgebungsluft abgeben, steckt man sich bei ihnen, wenn überhaupt, nur selten an.

Bis es nach einer Ansteckung zu ersten Symptomen einer Lungentuberkulose kommt, vergehen im Schnitt etwa acht Wochen. „Das bedeutet, dass die meisten Reisenden bereits wieder zu Hause sind, wenn sie erkranken“, sagt Lange. Wird eine Tuberkulose vermutet, ist es wichtig, möglichst schnell eine Arztpraxis zu kontaktieren. Denn je früher die Erkrankung festgestellt wird, desto besser lässt sie sich mit Antibiotika behandeln. „Um andere Menschen nicht anzustecken, sind zudem weitere Schutzmaßnahmen wie eine vorübergehende Isolation oder das Tragen einer Maske erforderlich“, sagt Lange.

„Die meisten Reisenden sind bereits wieder zu Hause, wenn sie erkranken.”
Prof. Christoph Lange

Fliegen ist wegen der Ansteckungsgefahr verboten

Wer noch im Reiseland Symptome einer Tuberkulose entwickelt, sollte sich vor Ort ärztlich untersuchen lassen. Mithilfe eines Schnelltests lässt sich eine Infektion rasch erkennen. „Das Fliegen ist dann zwar möglich, aber wegen der Ansteckungsgefahr natürlich nicht erlaubt“, sagt Lange. Er rät erkrankten Personen dazu, noch im Reiseland eine Therapie mit Antibiotika zu beginnen, die zumindest in größeren Städten fast überall auf der Welt verfügbar sind.

In der Regel sei man dann nach einigen Wochen zwar noch nicht wieder gesund, aber wenigstens nicht mehr ansteckend. „Mit einem ärztlichen Attest, das dies bestätigt, sollte der Heimflug problemlos möglich sein“, sagt Lange. Eine Atemschutzmaske, die der Erkrankte trägt, könne mitreisende Angehörige zusätzlich schützen. Auch diese sollten sich spätestens zu Hause auf Tuberkulose testen und gegebenenfalls behandeln lassen.

Eine erfolgreiche Therapie dauert mindestens sechs Monate

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Ähnlich langwierig wie die Entwicklung der Symptome gestaltet sich die Therapie der Tuberkulose. „Beides ist den sehr langsamen Teilungsraten der Mykobakterien geschuldet“, erklärt Lange. In der Regel ist eine sechsmonatige Gabe vier verschiedener Antibiotika erforderlich. Teilweise sind sie als Kombinationspräparate verfügbar, bei denen mehrere Wirkstoffe in einer Tablette zusammengefasst sind.

„In der Regel ist eine sechsmonatige Gabe vier verschiedener Antibiotika erforderlich.”

„Für eine erfolgreiche Behandlung ist es sehr wichtig, die verordneten Medikamente über den gesamten Zeitraum hinweg regelmäßig einzunehmen“, sagt Lange. Tut man das nicht, besteht die Gefahr, dass sich die Bakterien erneut vermehren und gegen die eingesetzten Antibiotika resistent werden. „Dann ist eine noch längere und kompliziertere Therapie erforderlich, die oft mit einem ausgedehnten Krankenhausaufenthalt einhergeht“, sagt Lange.

Auch für Kontaktpersonen sind Antibiotika oft ratsam

Angehörigen erkrankter Menschen, die sich womöglich angesteckt, selbst aber keine Symptome entwickelt haben, wird in der Regel eine präventive Therapie angeboten. „War der Kontakt eng, sollte zunächst mit einem Bluttest überprüft werden, ob es zu einer Ansteckung gekommen ist“, sagt Lange. „Fällt der Test positiv aus, ist eine vorbeugende Therapie mit Antibiotika sehr ratsam, um das Risiko einer Erkrankung zu reduzieren.“

Fakt sei, dass heutzutage eigentlich niemand mehr an Tuberkulose sterben müsse. „Die hohen Todeszahlen kommen vor allem deshalb zustande, weil in ärmeren Ländern oft keine ausreichende Diagnostik erfolgt“, erklärt Lange. Bei fast allen Kindern, die an Tuberkulose gestorben seien, habe man die Erkrankung schlicht nicht erkannt – und daher natürlich auch nicht behandelt.

Der aktuelle WHO-Report zur Tuberkulose, der unter anderem eine Liste mit den Hochrisikoländern enthält, findet sich hier: https://www.who.int/teams/global-tuberculosis-programme/tb-reports.

Im Reiseland können sich Menschen, die eine Tuberkulose bei sich vermuten, telefonisch vom Informationsdienst TBinfo beraten lassen, den das DZIF anbietet: +49 (0)4537 1880.

Icon, das einen Experten/eine Expertin symbolisiert. Symbol für die Envivas Fach-Experten.

Prof. Dr. Dr. Christoph Lange

Experte

Medizinischer Direktor des Forschungszentrums Borstel, Leibniz Lungenzentrum, Leiter der klinischen Tuberkulose-Einheit im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) und Professor für Respiratorische Medizin & Internationale Gesundheit an der Universität Lübeck

Anke Brodmerkel

Autorin

Anke Brodmerkel hat Biologie und Chemie studiert und lange für die Berliner Zeitung als Medizinredakteurin gearbeitet. Sie lebt mit ihrer Familie nahe Flensburg und schreibt über alle Aspekte zum Thema Gesundheit – für Zeitungen, Magazine und Online-Portale. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie während eines zweijährigen Segeltörns durch Europa.